Kaum ein Bereich der Geldanlage erhält so viel Aufmerksamkeit wie Prognosen. Wie entwickeln sich die Börsen? Wann sinken die Zinsen? Welche Region wird besonders gut abschneiden? Und ist jetzt der richtige Zeitpunkt zum Einsteigen?
Solche Fragen sind verständlich. Schließlich geht es um das eigene Vermögen. Wer investiert, möchte möglichst wissen, was als Nächstes passiert. Genau darin liegt jedoch ein Problem: Die Zukunft an den Kapitalmärkten lässt sich nicht zuverlässig vorhersagen.
Für eine gute Geldanlage ist das weniger schlimm, als es zunächst klingt. Denn langfristiger Anlageerfolg muss nicht davon abhängen, die nächste Marktbewegung richtig vorherzusagen.
Prognosen geben Orientierung. Eine klare Aussage über Aktienmärkte, Zinsen oder Konjunktur vermittelt das Gefühl, Unsicherheit beherrschbar zu machen. Im Rückblick erscheint vieles zudem logisch. Nach einem Kursrückgang lassen sich Gründe finden, ebenso nach einer starken Börsenphase. Vor dem Ereignis ist die Situation jedoch wesentlich weniger eindeutig.
An den Märkten wirken gleichzeitig wirtschaftliche Entwicklungen, politische Entscheidungen, Erwartungen der Anleger und unvorhersehbare Ereignisse. Entscheidend ist außerdem nicht nur, was geschieht, sondern was davon bereits in den Kursen enthalten ist.
Selbst wer eine wirtschaftliche Entwicklung richtig einschätzt, muss deshalb mit seiner Geldanlage noch lange nicht richtig liegen. Man müsste nicht nur wissen, was passiert. Man müsste auch einschätzen können, wann es passiert, wie stark die Märkte reagieren und welche Erwartungen bereits eingepreist sind. Das macht kurzfristige Prognosen als Grundlage einer Anlagestrategie problematisch.
Problematisch werden Prognosen vor allem dann, wenn sie zu ständigem Handeln führen. Anleger warten auf den vermeintlich besseren Einstiegszeitpunkt, verkaufen aus Sorge vor einer erwarteten Krise oder wechseln in Anlagen, denen gerade besonders gute Aussichten zugeschrieben werden.
Damit entsteht eine Kette neuer Entscheidungen. Und jede dieser Entscheidungen kann falsch sein. Aus einer langfristigen Geldanlage wird so schnell der Versuch, Märkte zu timen.
Eine solide Anlagestrategie versucht nicht, die Zukunft vorherzusagen. Sie berücksichtigt vielmehr, dass die Zukunft unsicher ist. Dazu gehören eine zur persönlichen Situation passende Aufteilung des Vermögens, eine ausreichende Liquiditätsreserve, eine breite Streuung, klare Regeln für die Überprüfung des Depots und ein Anlagehorizont, der zum jeweiligen Ziel passt.
Der entscheidende Unterschied lautet: Eine Prognose fragt, was die Märkte tun werden. Eine Planung fragt, wie das Vermögen aufgestellt sein sollte, wenn die Märkte anders reagieren als erwartet.
Natürlich ist es sinnvoll, wirtschaftliche Entwicklungen zu beobachten und Veränderungen einzuordnen. Daraus folgt aber nicht, dass ein Depot auf jede neue Einschätzung reagieren muss. Eine tragfähige Strategie sollte auch dann funktionieren, wenn die nächste Prognose nicht eintritt. Gerade darin zeigt sich ihre Qualität.
Niemand kann Unsicherheit aus der Geldanlage entfernen. Man kann aber entscheiden, wie man mit ihr umgeht. Statt auf die nächste richtige Vorhersage zu hoffen, ist es meist sinnvoller, eine Anlagestrategie zu entwickeln, die unterschiedliche Entwicklungen aushält. Gute Geldanlage braucht deshalb weniger Prognosen – und mehr Struktur, Disziplin und einen klaren Plan. Wer seine Geldanlage nicht von kurzfristigen Marktmeinungen abhängig machen möchte, sollte zunächst prüfen, ob die bestehende Strategie zu den eigenen Zielen, zum Anlagehorizont und zur persönlichen Risikotragfähigkeit passt.